am 2. Dezember 2007

Die ewige Schulreform,
eine Mogelpackung auf ewig?

 
 

Seit 1978, also nahezu 30 Jahre bin ich Mathepauker an einer bayerischen Realschule. In dieser Zeit sind die Lehrpläne als Nonplusultra der Pädagogik gekommen und als letzter Mist gegangen. Auch die Pädagogik unterliegt Modetrends, die sich selbstverständlich auch wiederholen.

Zu der Frage welche Schulform die richtige ist, will ich mich eigentlich gar nicht äußern. Die Frage geht an meiner Wirklichkeit, an meinen Problemen vorbei. Ich will nur einmal aufzeigen, womit ich an einer Land-Realschule, mit Schülern weitgehend ohne Migrationshintergrund, in meínem Arbeitsumfeld zu kämpfen habe und ein paar Vorschläge machen.

Als die Schule gebaut wurde, war sie ausgelegt für eine Schülerzahl von etwa 400 und war das Lehrerzimmer für ca. 25 Lehrer gedacht. Heute hat die Schule 850 Schüler und nahezu 60 Lehrer. Dieses Jahr ist ein Anbau fertig geworden, der aber dauerhaft nur durch unsere zwei Ganztagsklassen genutzt werden darf, aufgrund der Fördermittel, die nur für Ganztagsklassen gewährt wurden. Ein Flügel der alten Schule wird zur Zeit aufgestockt. In den Räumen darunter wird teilweise noch unterrichtet, obwohl ständig das Regenwasser durchbricht und die Heizung nur gelegentlich funktioniert, weil im Frühjahr die Sanierung ansteht und der Sachaufwandsträger kein anscheinend unnützes Geld ausgeben will. Das Lehrerzimmer betrete ich nur noch, wenn ich unbedingt muss. Dort bekomme ich Platzangst. Da halte ich mich doch lieber in einer Hühnerbatterie auf.

Kommen wir zum Wichtigsten, zu unseren Schülern. Ich unterrichte auf eigenen Wunsch in vier Matheklassen und eine weitere würde mir nichts ausmachen. Ich habe das unverschämte Glück eine 5. und eine 6. Klasse unterrichten zu dürfen, die wirklich den ursprünglichen Anforderungen der 6-stufigen Realschule genügen. Dort zu unterrichten ist für mich der reinste Jungbrunnen. Aber glauben sie nicht dies sei der Normalfall. Es ist nur Glück. Da bei der Aufnahmeprüfung für nicht von vornherein Geeignete unter bestimmten Voraussetzungen der Elternwille gilt und manche Schulen großzügig sind, schätze ich einmal, dass die bayerische Realschule zur Zeit eigentlich 25 % Schüler aufnimmt, die mit dem Realschul-Lehrstoff völlig überfordert sein werden und meistens nicht einmal aus kognitiven Gründen.

Ich bin Klassleiter einer 8. Klasse mit 32 SchülerInnen von denen am 1. Elternabend mitte November 26 SchülerInnen gefährdet sind, davon 13 Schülerinnen in 4 bis 7 Fächern. Wenn sie mir und meinen Kollegen jetzt vorwerfen, wir motivieren sie nur nicht richtig, kümmern uns nicht, machen falschen, altmodischen Unterricht, dann antworte ich ihnen nur mit dem Götz-Zitat, weil Sie keine Ahnung haben. Es sieht in vielen Klassen der Jahrgangsstufen 7 bis 10 ähnlich aus, vielleicht nicht ganz so extrem. Die Klassenstärken liegen meistens zwischen 30 und 34 SchülerInnen.

Zusammengefasst kämpfe ich täglich mit mangelnden kognitiven Fähigkeiten meiner Schüler, mit mangelndem Arbeitsverhalten, mit mangelnder Konzentrationsfähigkeit, mit mangelndem Gedächtnis, mit gestörtem Sozialverhalten, mit einer Nullbock-auf-Schule-Mentalität und mit einem Verhalten, dass den Lehrer als Kellner ansieht, der auf Fingerschnippen dem Konsumbedürfnis der Schüler nachkommt, und das ohne jede eigene Anstrengung.

Bevor ich erzähle, was mir helfen würde, möchte ich aber erklären, dass ich mit 61 Jahren keineswegs ein ausgebrannter Lehrer bin. Solange ich noch Schüler finde, die sich von mir gerne unterrichten lassen, würde ich gerne unterrichten. Auch über 65 Jahre hinaus, doch dann nur ohne Abzug von der Pension. Ansonsten beschränke ich mich auf’s Internet.

Eine ständige Diskussion in meinem Lehrerkollgium ist: Wird nach der Landtagswahl in Bayern die Realschule mit der Hauptschule zur Regionalschule vereinigt? Die überwiegende Mehrheit glaubt daran und glaubt den Versicherungen der CSU nicht, und das obwohl sie vermutlich mehrheitlich CSU wählen werden. Ich habe mit der CSU eigentlich nichts am Hut, einzelne PolitikerInnen ausgenommen, aber hier traue ich ihren Zusagen. Es ist paradox, ich wähle meistens SPD, obwohl ich ihr ständiges Geschrei nach der Gesamtschule für keine Bildungspolitik, sondern für Schwachsinn halte. Schwachsinn jedenfalls dann, wenn nicht entscheidende Dinge zusätzlich passieren.

Diese entscheidenden Dinge könnte man aber auch in einem dreigliedrigen Schulsystem verwirklichen.

Wissen sie, was mich erschreckt? Laut Stern verlassen pro Jahrgang 80 000 Schüler ohne Schulabschluss unsere Schulen. Wie viele davon werden in die Kriminalität abgleiten um am Leben teilnehmen zu können? Wie viele davon werden in den Rechtsextremismus abgleiten, weil dieser Selbstwertgefühl und Chancen verspricht?

Machen wir weiter so, dann ist unsere Demokratie gefährdet!

Nehmen wir einmal an, es gäbe in Deutschland nur eine Schulform, die abgestuft über den Quali, die Mittlere Reife zum Abitur führt. Was würde sich ändern und was nicht. Welche Folgen hätte das? Hätte das überhaupt Folgen?

 

Zumindest in der Lehrerausbildung müsste die Dreigliedrigkeit erhalten bleiben. Grundschullehrer sind etwas ganz Besonderes. Sie legen für alle Anderen die Grundlagen (nach den Kindergärtnerinnen). Ich halte mich für einen guten Realschullehrer, aber ich wäre ziemlich sicher ein sehr schlechter Grundschullehrer. Auch Hauptschullehrer brauchen besondere Fähigkeiten, sie brauchen eine eiserne Frustrationsschwelle, sie müssen absolut frustrationsresistent sein. Ein Mathelehrer vom Gymnasium wäre an einer Realschule völlig erfolglos, wenn er nicht vollständig auf die sogenannte Wissenschaftlichkeit seines Unterrichts verzichten würde. Aber lassen wir das.

Was ändert sich an der unterschiedlichen Intelligenz? Was ändert sich an den sprachlichen Fähigkeiten? Mangelnde Sprachkompetenz erstreckt sich über alle Schichten. Was ändert sich am Arbeitsverhalten der Schüler? Ihrer Einstellung zu Schule? Wird dadurch das Sozialverhalten verbessert?

Ich will ihnen einmal maxxls Traum von seiner Wunschschule erzählen. Die Traumschule, mag sie eingliedrig sein, dürfte nicht mehr als 400 bis 500 Schüler haben.

Eine Schule über 500 Schüler produziert nur Plattenbauten-Schülerverhalten!

Das erste entscheidende Merkmal wäre eine Klassenstärke um die 15 Schüler. Das kann aber kein absoluter Wert sein, höchstens nach oben. Je problemreicher die Schüler werden, aus welchen Gründen auch immer, desto mehr muss die Klassenstärke gesenkt werden. Bei Schülern, die nur gelegentlich im Unterricht erscheinen und nur gelegentlich Hausaufgaben machen, ist die Zahl 15 noch viel zu hoch.

Das zweite Merkmal wäre die Zusammensetzung der Klassen, bzw. Teilklassen. Im Augenblick geschieht dies nach den Mindestzahlen des Kultusministeriums und den Erfordernissen alle Lehrer einer Schule mit den erforderlichen Stundenzahlen zu versorgen. Maxxxl wünscht sich in seinen Gruppen von etwa 15 Schülern mindestens 2 Schüler im Bereich zwischen Note 1 oder 2. Diese beiden Schüler könnten ihm einerseits als Tutoren helfen, andererseits wäre er in der Lage diese wenigen Schüler individuell zu fördern, und das ohne sich selbst durch Arbeit zu vernichten.

Wenn ein(e) LehrerIn nicht ausreichend eingesetzt werden kann, warum sollte diese Lehrkraft nicht zusätzlich in der schwächsten Klasse eingesetzt werden, die ihren Fächern entspricht oder auch nicht? Jeder Lehrer kann zumindest Lernen organisieren. Warum nicht absolut schwache Klassen zu zweit oder zu dritt unterrichten? Stellen sie sich eine Schule mit Schülern mit Migrationshintergrund vor

Die guten Schüler haben das Recht, besonders gefördert zu werden.

Diesen Anspruch vergisst die SPD regelmäßig. Die CSU braucht nicht jubeln. Auch an der bayerischen Realschule ist es gegenwärtig ein Problem. Faltlhauser sei Dank, und Huber, der als Superreformator der bayrischen Verwaltung seine "Fähigkeiten" bewiesen hat, ist auch keine Hoffnung.

Wissen sie was an Maxxxls Schule mit maximal 500 Schülern noch vorhanden sein müsste? Mindestens ein Schulpsychologe und mehrere Sozialpädagogen, die sowohl mit den Kindern als auch mit den Eltern arbeiten.

Jetzt stellen sie sich einmal eine eingliedrige Schule für alle vor, die nicht mehr als 500 Schüler hat und die meine Forderungen erfüllt. Was würde das kosten? Nach welchem Besoldungssystem sollten die Lehrer bezahlt werden. Es gäbe ein Hauen und Stechen.

Mein Vorschlag ist, belassen wir es beim dreigliedrigen Schulsystem. Aber meine Vorschläge sollten in allen 3 Gliedern verwirklicht werden. Wobei bei einer Schulreform die Hauptschule finanziell zunächst bevorzugt werden sollte. Hier brennt die Hütte.

Langfristig gesehen muss unsere Gesellschaft wesentlich mehr für Bildung ausgeben als bisher. Und wesentlich meint mindestens das 4- bis 6-fache als bisher. Es wird richtig teuer, aber das sollte es uns wert sein. Dabei sind noch nicht einmal die Reparaturkosten für soziale Schäden, die unser Wirtschaften, unsere Art zu leben, hervorruft.

Es wird teuer! Tun wir nichts, kostet es uns das Vaterland und allen Wohlstand!

p.s. Sogenannte konservative Politiker der CDU/CSU, die in ihren Bundesländern eine "Herdprämie" ausrufen, d.h. die Eltern dafür bezahlen, dass ihre Kinder nicht in den Kindergarten gehen, nenne ich "äußerst dumme Arschlöcher". Sie fragen warum? Sie haben nichts verstanden! Wollen sie nichts verstehen? Nein, sie sind einfach zu blöde. Und deswegen wähle ich niemals CSU.

Aber die SPD und die Grünen kann man auch vergessen. Ich denke Wahlsonntage werden in Zukunft sehr ruhig für mich. FDP war für mich Hamm-Brücher, versteht nur wer so alt wie ich ist und Erlangen kennt. Kurz und gut FDP war und ist nichts für mich. Die Linke? Hahahaha!

Wahltechnisch gesehen bin ich eine ziemlich arme Sau!

 

       
   
 
 
 
 
© Wolfgang Appell 2007